Reinhard Keiser - größter Sohn der Stadt Teuchern


Teuchern zur Zeit Reinhard Keisers


Im Geburtsjahr Reinhard Keisers 1674 existierten die ernestinischen Herzogtümer Sachsen-Eisenach, -Gotha, -Weimar, -Jena, die albertinischen Sekundogenituren Sachsen-Merseburg, -Weißenfels, -Zeitz, die Grafschaften derer von Reuß, Schwarzburg, Hatzfeld, Hohenlohe, die Herrschaften derer von Schönburg, die Reichsstadt Mühlhausen sowie Exklaven weltlicher und geistlicher Anrainerstaaten u.a. Keisers Geburtsstadt Teuchern gehörte zum Herzogtum Sachsen-Weißenfels. Während Keisers Kindheit in Teuchern (1674-1685) und seiner Studienzeit in Leipzig(1685-1692) entwickelte sich die Residenz in Weißenfels zu einem musikkulturellen Zentrum. Bevor die Hofkapelle von Halle nach Weißenfels kam(1677) bestand sie aus 16 Personen. Die früheste vollständige Auflistung der Weißenfelser Hofkapelle(1726) belegt 32 Personen: 1 Kapellmeister, 6 Sänger, 5 Instrumentalisten, dazu 8 Trompeter und 1 Pauker, 7 Oboisten bzw. Fagottisten, 2 Hornisten, 1 Kapellknaben und einen Kalkanten. Bedeutungsvoll für Weißenfels war die Hofoper, die zunächst auf einer provisorischen Bühne, später im „Komödiensaal“ des Schlosses Neu-Augustusburg in dessen Südflügel spielte. Von 1682-1736  fanden hier teilweise vier bis zu fünf Uraufführungen bzw. Erstaufführungen von Opern und anderen szenischen Werken pro Jahr statt. Zu den Hofmusikern gehörten auch der Hofkantor und der Hoforganist. Die Stadt selbst hatte ebenfalls einen Kantor und einen Organisten. Letzteres Amt übte von 1684-1711 Christian Schieferdecker aus, der zuvor Kantor, Organist und Rektor in Teuchern war. Weiterhin gab es eine Kantoreigesellschaft und die Stadtpfeifer. Zu besonderen Ereignissen zogen auch Spielleute, Bergsänger, Bockpfeifer der umliegenden Gebiete hinzu, so dass man sagen kann, das die Musikausübung in Weißenfels sehr bunt und vielfältig war. Reinhard Keiser hatte sicherlich davon Kenntnis und besuchte häufig die Stadt Weißenfels. Auch die in der Nähe zu Teuchern und Weißenfels liegenden Höfe konnten Keiser musikkulturelle Anregungen geben, dazu gehörten die Hofensemble in Zeitz und in Eisenberg. Das Eisenberger Ensemble wurde von 1687-1705 von Michael Telonius aus Teuchern geleitet. In beiden Stätten fanden auch Opernaufführungen statt. Reinhard Keiser ließ später seine Oper „Almira“ in Weißenfels uraufführen(1704. Im Jahre 1718 bewarb er sich in Sachsen-Gotha und in Sachsen-Eisenach um eine Anstellung.


Kindheit in Teuchern


Bild: Eintragung der Taufe Reinhard Keisers

vom  12.1.1674 in Teuchern

 

 

Die Herkunft der Familie Keiser ist nicht geklärt. Keisers Vater Gottfried hängt möglicherweise mit einer in Dornburg, Altenburg und Eisenberg festzustellenden Familie Keiser zusammen. Er könnte um 1650 geboren sein. Zwischen 1668 und 1669 zählte er zu den Musikern am Hof zu Reuß-Obergreiz. Seit 1671 war Gottfried Keiser Organist in Teuchern. In diesem Amt hatte er die Verpflichtung Unterricht an der Schule zu geben. Wegen geringer Entlohnung und Gehaltsrückstände erteilt er offensichtlich diesen Unterricht nicht und es kam zu Differenzen mit Schulleitung und Kirche. Am 11.9. 1673 heiratete er Agnesa Dorothea –die Tochter des Junkers von Etzdorff. Zum Zeitpunkt der Heirat war Agnesa Dorothea noch nicht einmal 16 Jahre alt. Vier Monate nach der Heirat wird sie von einem Sohn entbunden. 

1675 ging Gottfried Keiser nach Norddeutschland. Laut Johann Mattheson galt Keisers Vater als guter Komponist. Seit 1675 lebte er getrennt von Frau und Kindern. Er ist zwischen 1712 und 1732 verstorben.  

Agnesa Dorothea Keiser schenkte 2 Söhnen das Leben. Am 12.01. 1674 wird Reinhard, am 10.09.1675 Gottfried Gustav in Teuchern getauft. Den Vornamen erhielt der zweite Sohn vom  Taufpaten Gottfried Gustav Fischer, der Kantor im nahegelegenen Hohenmölsen war und zu dem die Familie Keiser engere Beziehungen gehabt hat. Möglicherweise erhielt Reinhard Keiser seine musikalische Ausbildung von ihm. Am 09.12.1732 verstarb Agnesa Dorothea Keiser in Teuchern.

Das Geburtshaus Reinhard Keisers( heute Markt 9) war eines der 22 Häuser der Stadt, die dem Domkapitel von Naumburg gehörten. Über den Bildungsweg des jungen Reinhard in Teuchern ist nichts bekannt. Die gesamte Erziehung lag in den Händen der Mutter, da sich der Vater seit Reinhards zweiten Lebensjahr in Norddeutschland aufhielt.

Höchstwahrscheinlich erhielt er die musikalische Bildung im Ort. In Teuchern gab es eine Schule, deren Rektoren ausreichende musikalische Kenntnisse hatte. Dazu gehörten Andreas Crusius(bis 1679), Christian Schieferdecker sen. (1679-1684) und Johann Crusius( ab 1684. Besonders Christian Schieferdecker sen. Kommt als musikalischer Wegbereiter Reinhard Keisers in Betracht. Dessen 1679 in Teuchern geborener Sohn Johann Christian wurde von Keiser später als Cembalist an die Hamburger Oper geholt, um schließlich als Organist und Nachfolger des berühmten Dietrich Buxtehude an die Lübecker Marienkirche zu gehen. Als Teucherner Organisten kommen für die musikalische Ausbildung Keisers Michael Telonius(1675/76), Christian Schieferdecker(1676-84) und Gottfried Weber(1684-86) in Betracht sowie auch der Teucherner Glöckner Christoph Ziegler, der zugleich Küster und Lehrer der Elementarstufe der Schule war. Möglicher musikalischer Lehrer war auch der Eisenberger Organist Tobias Zschille. Nach seinem Fortgang an die Leipziger Thomasschule 1685 wird Reinhard Keiser nur noch einmal in Teuchern genannt und zwar als Taufpate 1689.

Da seine Mutter jedoch bis zu ihrem Tode 1732 in Teuchern lebte, wird das nicht der einzige, spätere Aufenthalt hier gewesen sein. Ein Kontakt zum Vater ist allerdings nicht nachzuweisen.


Studienzeit in Leipzig


Am 13.07.1685 trug sich Keiser eigenhändig in die Matrikel der Leipziger Thomasschule ein:

„1685, 13. Juli Reinhardt Keyser, von Teuchern aus Meißen, seines Alters 11 Jahr, verspricht auf dieser Schule zu bleiben 7 Jahr.“ Die beiden musikalischen Schlüsselpersönlichkeiten während seiner Thomasschülerschaft waren Johann Schelle(1678-1701, Thomaskantor 1677-1701)und Johann Kuhnau( 1660-1722, Thomasorganist 1684-1701. Schelle wurde als Diskantist an der Dresdner Hofkapelle noch von Heinrich Schütz ausgebildet, studierte an der Leipziger Universität, war somit Schüler des Thomaskantors, dann in Eilenburg als Kantor tätig, bis er zum Thomaskantor gewählt wurde. Er gilt somit kompositorisch als wichtiges Bindeglied zwischen Schütz und Bach. Kuhnau war unmittelbarer Vorgänger Bachs als Thomaskantor. Eigentliche Aufgabe der Thomaner war der tägliche Unterricht und der Dienst in den Kirchen, letzterer oft unter Mitwirkung von Studenten, städtischer wie auswärtiger Musiker. Die Situation Leipzigs war geprägt durch das Messegeschehen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn Keiser noch 1710 für Hamburg eine Oper „Le bon vivant oder Die Leipziger Messe“ komponierte.  


Erste Opernerfolge in Braunschweig  


Vorderansicht der Braunschweiger Hofoper,

Keisers Wirkungsstätte

von um 1694-1697.

 

 

Der nächste Nachweis aus Reinhard Keisers Leben stammt aus dem Jahr 1694 und zwar als „Cammer-Componist“ als Nachfolger des nach Hamburg gegangenen Kusser in Braunschweig. Zur Zeit von Keisers Wirksamkeit im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel(1694-97) bestanden durch Landesteilungen mehrere braunschweigische Staaten: das Kurfürstentum  Braunschweig-Hannover sowie die Herzogtümer Braunschweig-Celle und eben Braunschweig-Wolfenbüttel. Seit 1689 gab es hier ein neu erbautes großes Opernhaus. Zur Keiser-Zeit wurden regelmäßig in Braunschweig und Hannover Opern gespielt- in Braunschweig seit 1691 in einem besonderen Opernhaus mit 1200 Plätzen. Es war eines der perfektesten Opernhäuser Norddeutschlands, dessen Repertoire Opern, Ballette, Komödien und Schäferspiele umfasste. 1694 wurden Keisers erste Opern „Procris und Cephalus“ in Braunschweig und „Basilius“ in Hamburg interpretiert. Mit seinen Opernerstlingen erwies er sich bereits als sehr versiert, so dass man sich fragen muss, wo er diese Perfektion erworben haben kann. Johann Mattheson schrieb über die Hamburger „Basilius-Aufführung“, die Oper sei „in dieser Stadt mit dem grössesten Beifall“ aufgenommen wurden. Vielleicht hat sich Keiser tatsächlich zwischen 1692 und 1694 schon in Braunschweig aufgehalten, um im Zusammenhang mit einer entsprechenden Anstellung die Opernpraxis hier zu studieren. Keisers Braunschweiger Opern lagen bevorzugt Stoffe aus der antiken Mythologie zugrunde.

Eine Vorstellung von Keisers Braunschweiger Opern ist uns nicht mehr möglich, da nur noch 10 Arien und ein Duett erhalten blieben.  Das Braunschweiger und das Hamburger Opernhaus hatten zu dieser Zeit enge Verbindungen, insofern war Keisers Übersiedlung nach Hamburg 1697 nichts Außergewöhnliches. Schließlich hatte er sich mit 2 Opernwerken in Hamburg bereits vorgestellt.


Hauptkomponist an der Hamburger Gänsemarktoper 


Hamburger Gänsemarktoper, an der Keiser

 1697-1717 als Kapellmeister tätig

 war und bis in die 1730er Jahre

 zahlreiche Opern aufführen ließ.

 

 

1697 übernahm Keiser die Kapellmeisterstelle an der Hamburger Gänsemarktoper. Nunmehr begann eine kontinuierliche, äußerst intensive Produktion von Werken für die Stadt. Neben Opern sind es weitere szenische Werke, einzelne Arien, Duette, Kantaten, Serenaten, Kirchenmusiken bis hin zu großen Oratorien sowie Kammermusik und Ouvertürensuiten. Zwischen 1703 und 1707 übernahm er zeitweise das Direktorat über die Gänsemarktoper. Mit nur einer Unterbrechung in den Jahren zwischen 1717 und 1723, wo Keiser sich auf die Suche nach neuen Wirkungsstätten außerhalb von Hamburg begab, verbrachte er die Zeit bis zu seinem Tode im Jahr 1739 in der Hansestadt.

Als Keiser nach Hamburg übersiedelte bestand die besondere Attraktion der Stadt, die Oper am Gänsemarkt bereits 19 Jahre. Es war eine bürgerliche Oper, die im Gegensatz zur höfischen Oper auf Profiterwirtschaftung ausgerichtet war. Das Opernhaus wurde regelmäßig bespielt und zwar an 2- 3 Tagen in der Woche. Die Oper hatte auch Elemente einer aristokratischen Oper aufzuweisen, so fungierten das Hamburger Patriziat und der Rat teilweise wie Fürst und Hofstaat, und das Unternehmen wurde gestützt durch Aristokraten in und um Hamburg. Keiser komponierte über Stoffe aus der griechischen und römischen Mythologie, Sage und Geschichte, aus der älteren jüdischen, babylonischen, persischen und ägyptischen Historie, aus der neueren europäischen Geschichte und Gegenwart. Etwa 20 verschiedene Dichter lieferten für Keisers Opern die Libretti.

Von den Opern des Zeitabschnittes von 1697-1707 in Hamburg sind von Keiser 24 Uraufführungen und 4 Erstaufführungen zu registrieren, zu der Hamburger „Almira“ kommt weiterhin eine Weißenfelser. Davon sind 8 Werke vollständig erhalten. Die Opern zeichnen sich durch eine Vielzahl musikalischer Formen aus. Keisers melodische Einfälle sind schier unbegrenzt. Im Mittelpunkt stehen auf einen Solisten ausgerichtete, mehrgliedrige, größere Szenen. Die Instrumente kombiniert Keiser auf unterschiedlichste Weise.

Die Bekanntschaft mit dem Grafen von Eckgh, dem kaiserlichen Gesandten im Niedersächsischen Kreis erbrachte im Winter 1700/01 erstmals die sogenannten Winterkonzerte. In diesen hochkarätigen, repräsentativen Konzerten konnte Keiser seine Kompositionen präsentieren.

1697 ging in Hamburg „Der geliebte Adonis“ über die Bühne, Keisers früheste vollständig erhaltene Oper. 6 Jahre danach fällt Keisers Direktorat über die Oper(1703-1707), das er zugleich mit seinem Kapellmeisteramt  ausübte. Dazu komponierte er. Diese Belastung führte zu der Situation um die Oper „Almira“ 1703-1706, die später über ein Missverhältnis  zwischen Keiser und Händel spekulieren ließ. Keiser mit der Komposition der Oper „Almira“ für Hamburg begonnen, unterbrach aber die Arbeit, als er für Weißenfels den Auftrag einer Oper erhielt, welche anlässlich eines Besuches des Kurfürsten Johann Wilhelm von der Pfalz dort interpretiert werden sollte. Möglicherweise spielte für den Auftrag eine Rolle, dass Keiser einen bedeutenden Ruf im Vertonen von Opern hatte und dass er, in dem er in Teuchern geboren war, letztlich als Untertan des sächsisch-weißenfelsischen Herzogs von diesem in eine Pflicht genommen werden konnte. Keiser veranlasste nun Händel, die für Hamburg bereits angekündigte „Almira“ zu komponieren. Keiser selbst aber schrieb für Weißenfels eine neue „Almira“. Diese wurde am 30.07. /05.08.1704 in Weißenfels unter Beteiligung Hamburger Kräfte und Händel als Cembalist unter seiner Leitung aufgeführt. Später vollendete Keiser dann die Hamburger Almira-Fassung.

Zwischen 1703 und 1705 war der glückliche Umstand, dass mehrere bedeutende Musikerpersönlichkeiten an der Hamburger Gänsemarktoper zusammentrafen: Keiser(als Komponist, Kapellmeister und Direktor), Mattheson(ebenfalls als Komponist, Sänger und Cembalist), Gottfried Grünewald(als Sänger) und Händel(als zweiter Geiger, Cembalist und schließlich Komponist.Händel trifft im Sommer 1703 in Hamburg ein. Dass zwischen Keiser und Händel ein gutes Verhältnis bestanden haben muss, zeigen nicht nur die Umstände um die „Almira“, sondern auch ein zweites von beiden vertontes Opernsujet zeigt ähnliche Konstellationen. Erst lässt Keiser Händels „Nero“ herausbringen, dann erst stellt er seine eigene Vertonung vor(als „Oktavia“ 1705. Händel studierte intensiv Keisers Kompositionen. Viele „borrowings“ in Händels Werken belegen dies. Andererseits fungierte Keiser als Bearbeiter Händelscher Opern für die Hamburger Bühne.

Zwischen 1706 und 1709 wirkten sogar 4 bedeutende Musiker, nämlich Keiser, Christoph Graupner, Grünewald und Johann Christian Schieferdecker zugleich an der Gänsemarktoper. Im Juni 1706 fand die Uraufführung von Keisers Oper „Masaniello furioso“ statt. Die blühende Melodik der Arien, die ausdrucksvolle Gestaltung der Rezitative, dazu die Nutzung der instrumentalen Klangfarben, sind die wesentlichen Elemente die Keisers dramatische Meisterschaft in dieser Oper ausmachen. Zu den publikumswirksamsten Opern Keisers gehörte „Der Carneval von Venedig, die einen hohen Anteil an Tanzeinlagen hatte.

Am 03.01.1712 heiratete Keiser Barbara Oldenburg, die Tochter des Hamburger Ratsmusikanten Hieronymus Oldenburg. Der Ehe entstammten zwei Kinder: die Tochter Sophia Dorothea Louyse 1712 und der Sohn Wilhelm Friedrich 1718. Keisers Tochter wird eine bedeutende Opernsängerin.

In dieser Zeit setzt sich der Typ der Da-Capo-Arie immer mehr durch, die Arien werden immer häufiger vom gesamten Orchester begleitet, Continuo-Arien findet man immer weniger. Die Szenen sind nun auf die Arien als Kulminationspunkt ausgerichtet. Die Arien sind länger und virtuoser als in den frühen Opern Keisers. Der Solist steht nicht mehr im Mittelpunkt, sondern ist in das gesamte Ensemble integriert. Viele Personen agieren nun gleichzeitig. Die Vielfalt an Instrumentenkombinationen und verschiedenen Klangfarben nimmt weiter zu. Von den Opern des Zeitraumes zwischen 1709 und 1717 sind sieben vollständig erhalten.

Neben Opern hatte Keiser eine ganze Reihe von weiteren, szenisch aufgeführten Werken komponiert, Prologe, Epiloge, Serenaten und Ballets. Die Serenaten hatten eine Zwischenstellung zwischen der Oper und der Kantate.  Von Bedeutung für das Hamburger Konzertleben waren Arien, Duette und Kantaten, geringstimmige Werke für Vokalstimmen, mit und ohne weitere Instrumente und mit Basso continuo. Sehr viele Kantatensammlungen Keisers wurden zwischen 1698 und 1715 in Hamburg gedruckt, nämlich „Gemüths-Ergötzung“(1698), „Divertimenti serenissimi“, „Musicalische Land-Lust(1714) sowie „Kayserliche Friedens-Post“. Zu den geringstimmigen Vokal-Instrumental-Werken gehört auch eine Brautmesse.

Ebenbürtig zu den Opern sind Keisers Passionsoratorien und Passionen zu sehen. Drei dieser großen Werke, die Brockespassion, „Der zum Tode verurteilte und gekreuzigte Jesus“ sowie die Markus-Passion sind vollständig überliefert. Letztere wurde von Johann Sebastian Bach abgeschrieben und von diesem 1713 in Weimar und 1726 in Leipzig interpretiert. Die 1712 uraufgeführte Brockes-Passion machte Geschichte. Nicht nur, dass in den folgenden Jahren sich weitere Aufführungen anschlossen, sondern dass auch andere Zeitgenossen das Libretto vertonten( z.B. Telemann, Händel, Mattheson, Stöltzel und Fasch) und 1719, 1722, 1723 und 1730 die vier Vertonungen von Keiser, Telemann, Händel und Mattheson in Hamburg nacheinander als Zyklus erklangen.


Auf der Suche nach neuen Wirkungsstätten


Bild links:

Keisers Handschrift

Bild rechts:

Titelblatt des Libretto Druckes der Oper "Croesus" von 1711 mit einer Szene auf der Hamburger Gänsemarktoper.

 

1717 beendete Keiser aufgrund von derzeitigen, desolaten Zuständen am Opernhaus seine Kapellmeisterzeit in Hamburg. 1718 verließ er Hamburg, um nach Thüringen zu reisen. Möglicherweise bemühte er sich um eine Anstellung als Hofkapellmeister bei dem derzeit regierenden Herzog Friedrich II. von Sachsen-Gotha-Altenburg. Ähnlich war die Situation in Eisenach. Hier war Telemann 1712 weggegangen. Seitdem war die dortige Hofkapellmeisterstelle frei. Aber wieder zerschlug sich die Möglichkeit einer Anstellung.

Keiser trat dann die Reise nach Südwestdeutschland an, wo er sich in der Residenz des Herzogtums Württemberg-Stuttgart wie anscheinend auch in der benachbarten Markgrafschaft Baden-Durlach um eine Anstellung bemühte. Die Stuttgarter Hofkapelle war ein leistungsfähiges und zahlenmäßig starkes Ensemble. Keiser weilte mehrere Monate in Stuttgart, mit der Hoffnung dort Oberkapellmeister zu werden. In Stuttgart entstanden seine 3 handschriftlich, überlieferten Triosonaten für Flöte, Violine und Basso continuo. Einer besondere Aufarbeitung bedarf noch Keisers Instrumentalwerk. Es umfasst neben den Triosonaten, Bläseroktette, Ouvertürensuiten und Konzerte.

Spätestens Juli/ August 1721 war Keiser wieder in Hamburg. Das geistliche Sing-Gedicht „Der siegende David“ am 9. und 12.8.1721 im Dom zur Aufführung gebracht.

Wenige Wochen später traf er zusammen mit einer Hamburger Operntruppe unter Leitung des mit ihm oft verwechselten Johann Kayser in Kopenhagen ein. Inzwischen war Georg Philipp Telemann als Johanneumskantor in Hamburg angestellt worden und griff erfolgreich in das städtische Operngeschehen ein, so dass sich Keiser erneut von Hamburg abwandte. Nun begann für ihn einige Zeit ein Hin-und Herreisen zwischen Hamburg und Kopenhagen. Sieben Opern wurden zwischen 1721 und 1723 in Kopenhagen uraufgeführt. Keiser bekam den Titel eines Königlichen Dänischen Kapellmeisters. Nach der wohl besonders durch Johann Kaysers sehr aufwendige Führung verursachte Auflösung des Opernunternehmens 1723-Kayser brannte dann noch mit der letzten Gage für die Sänger durchnahmen die Kontakte Keisers zum dänischen Hof spürbar ab.


Zurück in Hamburg


Die Bemühungen um Wirkungsmöglichkeiten außerhalb Hamburgs waren gescheitert. Keiser versuchte nun in Hamburg wieder Fuß zu fassen. Zwischen 1722 und 1734 sind nur noch drei Opern Keisers auf die heutige Zeit überkommen. Dazu zählt die Croesus-Fassung von 1730. Keiser besinnt sich nun auf seine frühen Opern zurück. Die Da-Capo-Arie  dominiert nicht mehr ausschließlich. Es gibt erneut eine größere Vielfalt an Arientypen. Keiser übernahm immer mehr fremde und eigene populäre Arien in neue Werke. Solche Übernahmen setzten Maßstäbe und suggerierten zugleich Qualität. Keiser musste erkennen, wie erfolgreich Telemanns Opern und andere Kompositionen waren, wie atemberaubend schnell und viel Telemann produzierte, wie engagiert dieser in das Hamburger Musikleben eingriff. Diesen Vorsprung Telemanns konnte der nach Hamburg zurückgekehrte Keiser nicht mehr aufholen. Das Verhältnis von Keiser zu Telemann kann dennoch so schlecht nicht gewesen sein. Erste direkte und indirekte Kontakte zu Telemann gab es im Zusammenhang mit der Uraufführung von Keisers „Almira“ 1704 in Weißenfels und sie setzten sich fort in der Thüringen-und der Württemberg-Phase. Auch nach Keisers Rückkehr nach Hamburg wurden seine Bühnenwerke in großer Zahl interpretiert. Telemann selbst nahm einige Keiser-Opern zur Hand und bearbeitete sie für Neuaufführungen.

1728 wurde Keiser zum Nachfolger des wegen Taubheit zurückgetretenen Mattheson zum Domkantor gewählt. Nun verlagerte sich seine kompositorische Tätigkeit verstärkt auf Kirchenmusik. Mattheson sagte aus, Keiser habe seitdem „viele ausbündige Oratorien im Dom erschallen“ lassen.

Eine Reihe von Geschehnissen überschatteten Keisers letztes Lebensjahrzehnt. Am 9.12.1732 starb in Teuchern seine Mutter. Am Dom wurden 1737 die Kirchenkonzerte eingestellt. 1738 beendete die Gänsemarktoper ihren Spielbetrieb mit eigenen Kräften. Am 12.09.1739 starb Reinhard Keiser in Hamburg.

Im Verständnis seiner Zeit gehörte Keiser gleichberechtigt mit seinen Zeitgenossen Telemann, Mattheson und Händel zu den berühmtesten Komponisten an der Hamburger Gänsemarktoper in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

In seinem Sonett auf Keisers Tod schrieb Telemann 1739:


„Ihr, die in Deutschlands Raum die Tonkunst Kinder nennet,

Laßt Kaisers Untergang nicht fühllos außer acht!

Er hat um euren Ruhm sich sehr verdient gemacht,

Und manchen Ehrenkranz den Welschen abgerennet.

Da seine Jugend noch in erster Glut gebrennet,  

Wie reich, wie neu, wie schön, wie ganz hat er gedacht!

Wie hat er den Gesang zum vollen Schmuck gebracht

 Den dazumal die Welt noch ungestalt gekennet.“


Weiterführende Literatur: Koch, Klaus-Peter: „Reinhard Keiser-Leben und Werk“, Teuchern 2000, ISBN 3-00-005645-9