Der
Schäfer von Deuben
Eines
Tages — es ist schon lange her — kam der Schäfer von Deuben
mit seiner Herde in die Nähe des Burghügels. Da tat sich an
dessen Fuße ein Gang auf, und heraus trat eine Frau mit einer
Kuh. Die Frau fragte den Schäfer, ob er wohl ihre Kuh mit hüten
könne, er solle als Lohn jeden Tag einen Groschen und ein Brot
erhalten, dürfe aber niemandem etwas sagen. Der Schäfer war
sofort bereit. Jeden Morgen holte er die Kuh am Burghügel ab,
und jeden Abend brachte er sie dahin zurück, und jedesmal nahm
er sein Brot und seinen Groschen in Empfang. Hatte der Schäfer
zuvor in ärmlichen Verhältnissen gelebt, so änderte sich
seine Lage nun zusehends, und er kam schnell zu Wohlstand. Darüber
wunderten sich die Leute im Dorfe und meinten, das könne nicht
mit rechten Dingen zugehen. Sie wollten gern erfahren, was ihm
solches Glück bringe, und fragten ihn immer wieder. Aber der
Schäfer wusste, dass er zu schweigen hatte, und verriet sein
Geheimnis nicht. Eines Tages jedoch hatte er im; Wirtshaus viel
getrunken, und er war in recht ausgelassener Stimmung; da erzählte
er denn von der geheimnisvollen Frau und ihrer Kuh, die er täglich
hütete. Als er am anderen Tage, wie gewöhnlich, an den Burghügel
kam, war keine Kuh zu sehen, auch am nächsten Tage nicht,
desgleichen am dritten. Die Kuh war und blieb verschwunden. Da
nahm er einen Spaten und grub dort nach, wo sie herauszutreten
pflegte. Aber so tief er auch eindrang in den Hügel, er fand
keinen Gang. An dem Tage starb ihm das beste Tier seiner Herde,
und das geschah, so oft er sich mit seinem Spaten an dem Hügel
zu schaffen machte. Da gab er das Graben auf. Mit seinem
Wohlstand war es zu Ende, seitdem er sein Geheimnis
ausgeplaudert hatte. Er wurde wieder arm, wie er es einst
gewesen war.
Der
Drachenpfennig
Bei
einem reichen Bauern in Döbris lag auf dem Küchenregal immer
ein Pfennig. Eines Sonntags nahm die Magd ihn vor dem Kirchgang
an sich, um ihn in den Klingelbeutel zu stecken. Das hatte die
Bauersfrau gerade noch im letzten Augenblick bemerkt. Eilends
rannte sie der Magd nach und erreichte sie noch vor der Kirchtür.
Sie nahm der Magd den Pfennig ab. Das war nämlich kein Pfennig,
der zum Ausgeben bestimmt war. Die Bauersfrau legte täglich
einen solchen hin als Opfer für den Drachen, der in ihrem
Dienste stand. Hätte die Magd den Pfennig in den Klingelbeutel
gesteckt, wer weiß, was dann auf dem Gehöft für Unheil
entstanden wäre!
Das
vom Scharfrichter entdeckte Drachenweib
Miene
aus Mölsen diente als junges Mädchen bei einem Bauern in Döbris.
Dort kam es öfters vor, dass die Sahne von den Rahmschüsseln
abgeschöpft war und morgens die Kühe ausgemolken waren. Sie
meinten, das könne nur ein Drache getan haben. Da musste etwas
geschehen. Der Bauer schickte also seinen Knecht nach Zeitz zum
Scharfrichter und Wasenmeister Wahl. Der kam auch schnell mit
zwei Gehilfen nach Döbris. Er besah sich den Hof genau und
murmelte dann einige Sprüche. Die Bauern mussten nun auf sein
Geheiß alle Ställe ausmisten und den Dung auf einen großen
Haufen werfen. Inzwischen holten sich Meister Wahl und seine
Gehilfen oben vom Teiche kräftige gegabelte Ruten, die man
Zwisseln nannte. Bald darauf begannen die drei, damit den Mist
zu peitschen, immer rings herum
wie die Drescher. Sie gerieten bei der Arbeit tüchtig in Schweiß,
hatten aber Erfolg; denn sie hörten ein Wimmern und Winseln und
Heulen und wussten, woher das kam. Auch die Bauersleute, die in
der Haustür standen und dem Treiben zuschauten, ahnten es. Das
Peitschen ging so lange, bis das Gewimmer verstummte. Dann stärkten
sich Meister Wahl und seine Gehilfen durch ein kräftiges Mahl.
Während sie am Tische saßen, kam der Junge einer Frau, die bei
dem Bauern half, und bestellte, seine Mutter könne nicht zur
Arbeit kommen; sie sei die Treppe hinuntergefallen und habe sich
ein Bein gebrochen. Nun wussten alle, wer der Drache war und wer
so viel auf dem Hofe gestohlen hatte. Fortan hörte das Stehlen
auf.
Döbschen
Gar
nicht weit davon, wo Köttichau und Döbris gestanden haben,
befand sich in alten Zeiten das Dorf Döbschen. Schon lange,
bevor in dieser Gegend die Braunkohle ausgebaggert wurde, sah
man nichts mehr davon. Aber es soll dort um Mitternacht nicht
geheuer gewesen sein. Da ging einmal in einer Sommernacht ein
Handwerksbursche vorbei. Als es vom Turme zwölf geschlagen
hatte, kam ein Leichenwagen angefahren. Zwei kohlschwarze Pferde
waren davor gespannt. Der Handwerksbursche hörte aber keinen
Hufschlag und kein Rattern oder Rasseln des Wagens. Vom
Kutscherbock grinste ihn ein Totenschädel an, und im offenen
Sarge sah er ein Gerippe liegen. Doch der Handwerksbursche
erschrak nicht. Furchtlos rief er dem gespenstischen Kutscher
zu, als er ihn überholte: »Heda, halt still, und nimm mich mit
nach Köttichau!« Kaum hatte er das gesagt, da war der Spuk
verschwunden.
Wenn aber einer mit schlechtem Gewissen an der Stätte des
ehemaligen Dorfes Döbschen vorbeigeht, dann hockt sich ihm ein
Gespenst auf und drückt ihn wie eine schwere Last, und zwar so
lange, bis er die alte Dorfgemarkung verlassen hat.
Der pfiffige Knappe
Die
Kirche zu Grunau steht frei auf einem niedrigen Hügel. Ehe sie
gebaut wurde, befand sich dort eine kleine Burg. Spuren von Wällen
und Gräben kann man noch heute entdecken. Die Burg diente in
Kriegszeiten den Bauern der Umgegend als Zufluchtsort.
Einmal, es war im Jahre 916, gewährte sie auch dem Herzog
Heinrich, dem späteren König, Schutz, als er von König Konrad
bedrängt wurde. Der Herzog hatte nur eine kleine Schar von
Kriegsleuten bei sich. König Konrad aber belagerte die Burg mit
einem ansehnlichen Heer. Heinrich hätte sich nicht lange
verteidigen können. Da verfiel ein Knappe des Königs auf eine
List. Er begab sich vor die belagerte Burg und wusste, dass man
ihn gefangen nehmen würde. Das geschah auch alsbald. Man fragte
ihn, was er in der Nähe der Burg zu tun habe. Aber er weigerte
sich zu reden. Da drohte man ihm mit harter Strafe. Schließlich
erzählte er, er habe ein Schreiben über die Mauer geworfen.
Was denn darin stehe, wollte man nun wissen. Wieder sträubte
sich der Knappe, Auskunft zu erteilen. »Du wirst gehenkt, wenn
du es nicht sagst«, suchte man den Jungen einzuschüchtern. Da
ließ sich der Knappe erst Freiheit und Leben versprechen und
erzählte dann, ein großes Heer stehe an der Saale und werde
schon morgen den Herzog Heinrich befreien. König Konrad wollte
es auf einen Entscheidungskampf nicht ankommen lassen; er gab
die Belagerung auf und zog ab. Der Herzog Heinrich aber war
befreit.
Die
Saumuhle bei Hohenmölsen
Nach
der Zerstörung der Stadt Hohenmölsen im Jahre 1080 waren die
Einwohner obdachlos, und das Vieh lief in der Gegend umher, östlich
der Stadt war ein Sumpf. Dort wühlte eine große Sau und stieß
dabei auf eine versunkene Kirchenglocke. Die wurde durch das Wühlen
zu einem großen Teile frei. Die Mölsener freuten sich über
den Fund und wollten die Glocke aus dem Sumpfe ziehen. Sie
vermochten es aber mit allen ihren Pferden nicht. Es half auch
nichts, als sie noch Pferde von Jaucha, Zembschen und Zetzsch
vorspannten. Endlich kamen die Grunauer noch mit zwanzig Pferden
an. Kaum hatten sie zwei davon vor die Glocke gespannt, so ließ
die Sau, die nicht von der Glocke gewichen war, ein lautes
Grunzen hören. Da scheuten die beiden Pferde, zogen kräftig
an, und fort ging es mit der Glocke über Wiesen und Felder bis
zur Grunauer Kirche. Dort erst standen sie still. Die Glocke
wurde auf den Kirchturm gehängt. Als sie zum erstenmal geläutet
wurde, wollte man die Worte: »Sau — wühl, Sau — wühl!«
gehört haben. Die Sau hat man nicht wieder gesehen. Die Hohenmölsener
nannten den Sumpf, wo die Glocke gelegen hatte, die Saumuhle.
Der
Frauenrasen
Die
Gegend von Hohenmölsen wurde einst lange Zeit von einer Räuberbande
unsicher gemacht. Die hauste im Walde vor der Stadt, dort etwa,
wo heute die Zeitzer Straße ist. Man gab sich viel Mühe, die Räuber
zu fangen; doch es gelang nicht. Schließlich schlug eine Frau
von Mosdorf einen Plan vor. An einer Wiese im Walde verbargen
sich die Stadtknechte im Gebüsch. Die Frau von Mosdorf tummelte
sich mit einigen beherzten Frauen auf dem Rasen. Sie lachten,
scherzten und sangen, als hätten sie nie gehört, welch
schlimme Gesellen sich im Walde aufhielten. Wie man erhofft
hatte, lockte das frohe Treiben die Räuber an. Sie wollten die
Frauen fangen und berauben; doch als sie auf die Wiese traten,
kamen die Stadtknechte hervor und stachen die Räuber nieder.
Wald und Wiese heißen seit dieser Zeit Frauenholz und
Frauenrasen.
Der
Kuhberg bei Hohenmölsen
Wenn
in Herbstnächten aus dem Rippachtal der Nebel in dichten
Schwaden emporsteigt, erschien eine gespenstisch große Kuh auf
dem Berge. Sie hatte feurige Augen, und wer sie sah, lief ängstlich
davon. An Bäumen und Kräutern richtete sie viel Schaden an.
Verschwand der Nebel, war auch die Kuh nicht mehr zu sehen.
Der Rat der Stadt Hohenmölsen hatte sich schon lange Sorge um
das böse Tier gemacht. Eines Tages befahl er dem Häscher, —
das war der Gerichtsdiener und Schinder — es unschädlich zu
machen. Der Häscher meinte großsprecherisch: »Wenn's weiter
nichts ist, in drei Nächten wird das Untier verschwunden sein.
Aber nicht umsonst will ich es tun; nehmt mich zum Lohn als Bürger
auf, und gebt mir die Stelle des Baders!« Doch dazu kam es
nicht. Nach drei Tagen fand man den Häscher tot dort liegen, wo
man die Gespensterkuh gesehen hatte. Man konnte keine Wunde an
ihm entdecken. Dort, wo die Leiche lag, verscharrte man sie. Die
Gespensterkuh hat seitdem niemand mehr gesehen. Der Berg heißt
heute noch der Kuhberg.
Die
schöne Melusine
Zwischen
der Stadt Hohenmölsen und der Rippach befindet sich eine
Parkanlage, Melusine genannt. Lange Zeit stand dort eine
zerfallene Burg. Der letzte Ritter dieser Burg hatte eine schöne
Tochter mit Namen Melusine. Ein Ritter aus der Nachbarschaft
liebte sie und begehrte sie zur Frau. Sie liebte ihn auch und
wollte niemand anders zum Manne haben. Doch der Vater wollte von
diesem Freier nichts wissen. Mit Schimpf und Schande schickte er
ihn davon. Er kam jedoch wieder, und zwar mit vielen
Kriegsleuten. Er belagerte die Burg und wollte sich seine
Geliebte mit Gewalt holen. In diesem Kampfe wurde die Burg völlig
zerstört, ihre Bewohner wurden getötet, auch die schöne
Melusine. Sie fand jedoch keine Ruhe nach ihrem Tode. Oft hörte
man sie schrecklich heulen. Wer keine Angst hatte und sich dort
im Gebüsch versteckte, konnte sie sehen, wie sie hinab zum
Melusinenbrunnen schritt, um dort zu baden. Am Tage hörte man
in dem alten Gemäuer manchmal Gänsegeschnatter und
Pferdegetrab. Schaute man nach, so sah man keine Gänse und
keine Pferde.
Der
Drache von Keutschen
Jeden
Abend kam der Drache, um der alten Mutter Mine bei der Arbeit zu
helfen. Sie konnte sich ruhig zum Schlafen niederlegen; wenn sie
früh aufstand, war gebacken, gekocht, gebuttert und waren Matz
und Käse fertig. Alle diese Arbeiten verrichtete der Drache.
Einmal hatte eine missgünstige Nachbarin die Magd veranlasst,
den Sack, mit dem die Molken aus dem Malz gedrückt werden,
heimlich mit Stecknadeln zu spikken. Der Drache sollte sich
daran verletzen und böse werden. Das geschah auch. In seiner
Wut zerkratzte der Drache der Bäuerin das Gesicht. Wenn jemand
sie fragte, wer sie zerschunden habe, gab sie keine Antwort.
Das
gelbe Huhn von Keutschen
Vor
langer Zeit ging einmal eine Bauersfrau von Keutschen in der
Abenddämmerung vom Acker heim. Da bemerkte sie in einer Furche
ein schönes gelbes Huhn. Das blieb still sitzen, als die Bäuerin
ihm näher kam. «Ei«, dachte die Frau, »es ist wohl krank.
Vielleicht erholt es sich, wenn ich es mit nach Hause nehme.«
Sie setzte es in ihren Korb und deckte ihr Kopftuch darüber.
Daheim bereitete sie ihm am warmen Herde ein ruhiges Plätzchen.
Am nächsten Morgen sah die Bäuerin gleich nach ihrem Huhn. Wie
erstaunte sie, als sie bemerkte, dass es anstatt eines Eies glänzende
Goldstücke gelegt hatte! Die Bauersfrau rief ihren Mann. Auch
der wunderte sich, freute sich aber auch, als er festgestellt
hatte, dass es pures Gold war. Den ganzen Tag über blieb das
Wunderhuhn auf seinem Neste sitzen. Von den hingelegten Körnern
fraß es nur wenig. Am nächsten Morgen hatte es wieder ein Häuflein
Goldstücke gelegt. So ging es mehrere Tage. Da wurde es dem
Bauer unheimlich. »Das ist Teufelsgeld«, meinte er, »es
bringt keinen Segen.« Er verlangte, dass seine Frau das
unheimliche Tier aus dem Hause schaffe. Die wollte erst nicht,
konnte sie doch durch dieses Huhn ohne Mühe sehr reich werden.
Doch der Bauer bestand darauf, es fortzuschaffen. Die Bäuerin
setzte es in der Furche an dieselbe Stelle, wo sie es gefunden
hatte. Neugierig ging sie am ändern Morgen dorthin, und was sah
sie? Das Huhn hatte wieder Goldstücke gelegt. Sie fütterte es
noch einmal mit Körnern. Doch am nächsten Morgen fand sie es
nicht mehr. Man hat es nicht wieder gesehen.
Der
Pfarrer von Meisitz
Meisitz
war ein Dorf, das zwischen Aupitz und Rössuln lag. Im Dreißigjährigen
Krieg kamen Soldaten auch in dieses kleine Dorf. Besonders
hatten sie es auf die Geistlichen abgesehen. Aus Angst suchte
sich jeder in Sicherheit zu bringen. Der Geistliche von Meisitz
versteckte sich in einem Brunnen. Qualvolle Stunden erlebte er
da. Bald hörte er das Fluchen und Schreien der Soldaten, aber
auch das Jammern und Weinen der Kinder in seinem Versteck, dazu
Schüsse, Krachen von Balken, Einstürzen von Mauern, Schreien
und Brüllen von Tieren. Am Abend leuchtete der Himmel rot in
sein Versteck hinein. Als der Pfarrer am nächsten Morgen aus
dem Brunnen hinausstieg, fand er sein Dorf völlig zerstört, überall
lagen Tote umher, Männer, Frauen und Kinder. Sein Pfarrhaus lag
in Schutt und Asche. Da irrte der Ärmste viele Tage verstört
durch die Felder. Schließlich fand man den noch jungen Mann mit
grauen Haaren und irrem Sinn in einem Gehölz.
Das
Mägdegrab
Wenig
südlich von Langendorf liegt ein niedriger Hügel, auf dem
einige Bäume stehen. Von der Autobahn wie auch von der
Eisenbahn aus sieht man ihn liegen. Von diesem kleinen Hügel
wird folgende Geschichte erzählt: Einst saß hier an einem
Sommerabend ein Schäfer und achtete nicht auf das, was um ihn
her vor sich ging. So bemerkte er auch nicht, wie sich Mägde
von einem heimfahrenden Erntewagen zu ihm schlichen. Die waren böse
auf den Schäfer, weil er beim letzten Tanz ihre Untugend mit
schelmischen Worten gegeißelt hatte. Sie überfielen den
nichtsahnenden Schäfer rücklings, warfen ihn nieder und
kitzelten ihn so lange, bis er tot liegenblieb. Man ergriff die
bösen Mägde bald. An der Stelle, wo sie den Schäfer
totgekitzelt hatten, grub man ein Grab und stieß die Mörderinnen
lebendig hinein. Ehe man es zuschaufelte, warf man noch Haufen
von dornigem Reisig hinein. So bekamen die Mägde ihre Strafe für
die schändliche Tat. Der Hügel wird seitdem das Mägdegrab
genannt. So sehr man sich am Tage über diese schöne Stelle in
der Landschaft freut, bei Nacht geht man nicht gern vorbei, weil
es dort nicht geheuer sein soll.
Der
Drache von Obernessa
In
Obernessa wohnte vor Jahren eine alte Frau, die auch den Drachen
hatte. In der Erntezeit lieferte er ihr sogar das Mittagessen,
so dass sie wenig Arbeit im Hause hatte und bis zur Mittagspause
mit auf dem Felde bleiben konnte. Kam sie dann heim, stellte sie
die Schüssel in die Feueresse und rief: »Hänschen, gäk!«
Gleich war die Schüssel voll feinster Kartoffelklöße. Knechte
und Mägde wunderten sich darüber. Sonntags mussten sie in die
Kirche gehen. Das verlangte die Bäuerin. Kamen sie dann heim,
war der Kuchen fertig. Aber er sah grau aus. Eines Tages sagte
der Knecht zu den Mägden: „Nächsten Sonntag nehmt ihr mein
Gesangbuch mit und tut so, als ginge ich mit in die Kirche! Ich
will mich indessen auf den Backofen legen und lauschen, wie die
Frau den Kuchen bäckt.“ So geschah es. Kaum waren die Mägde
fort, da verschloss die Bauersfrau die Türen und legte das
Kuchenbrett auf den Tisch. Dann sagte sie: „Hänschen, gäk
lauter eiergelben Kuchendeek!“ Das Untier aber antwortete:
„Nee, Frau, es guckt!“ Damit hatte der Drache den Knecht auf
dem Backofen gemeint. Die Bauersfrau antwortete: „Nee, komm
nur, es guckt niemand!“ Nun brachte der Drache aus seinem
Rachen den wohlschmeckenden Kuchen hervor. Das erzählte der
Knecht den Mägden heimlich. Keiner aß von dem Drachenkuchen,
und alle drei verließen sie den Dienst.
Die
versunkene Brautkutsche
Auf
den Wiesen bei Obernessa befindet sich die Quelle der Nessa. Früher
floss sie viel stärker als jetzt. Die Wiesen waren dort sehr
sumpfig, und nur in trockenen Jahren konnte man bis an die
Quelle herankommen. Manche alten Leute erzählten, dass in der
Quelle der Wassergeist, der Nix, wohne. Vor dem müssten sich
junge Mädchen in acht nehmen. Die suche er nämlich in sein
Wasserschloss herabzuziehen; dann könne er in Menschengestalt
unter die Menschen gehen. Aber die jungen Leute hielten das für
ein Märchen und glaubten es nicht.
Einmal hatte eine schöne Jungfrau Hochzeit. In einer geschmückten
Brautkutsche fuhr man zur Kirche. Wie es Sitte war, benutzte man
zur Heimfahrt einen andern Weg. Der führte an den Nessawiesen
entlang. Ein Gewitter war aufgestiegen. Ein greller Blitz
zuckte, und gleich darauf donnerte es mächtig. Die
erschrockenen Pferde bäumten sich auf und rasten mit dem
entsetzten Brautpaar über die Wiesen stracks der Quelle zu.
Dort versank die Kutsche samt Pferden, Kutscher und Brautleuten
im Sumpf. Sonntagskinder behaupteten später, sie hätten die
Braut weinend auf dem Grunde der Quelle gesehen.
Luther
in Stößen
Nach
Stößen, das in alten Zeiten aus der Markt- und der
Berggemeinde bestand, kam im Januar 1542 auf der Reise von
Naumburg nach Zeitz Martin Luther. Bürgermeister, Ratsherren, Bürger,
nicht zu vergessen der Pfarrer und der Schulmeister, hatten sich
auf dem Marktplatze versammelt, um den berühmten Mann zu begrüßen.
Nachdem der Reisewagen des Reformators gehalten hatte, ertönte
der Lutherchoral „Nun freut euch, liebe Christen g'mein“,
gesungen von den Stößener Schulkindern. Martin Luther stieg
aus, begrüßte die versammelte Gemeinde und ließ sich von dem
Pfarrer einiges über die kirchlichen Verhältnisse im Orte
berichten. Manche Sorge hat der Pfarrer da wohl dem Reformator
vorgetragen, war doch eben wieder ein Streit zwischen der Berg-
und der Marktgemeinde wegen der Hirten ausgebrochen. Der Pfarrer
meinte, die Stadt solle auch für jede der beiden Gemeinden
einen Geistlichen haben. Das leuchtete Luther ein, und er sprach
zu den Versammelten: „Ich sehe, dass eure Stadt in Ordnung
ist. Nur um eins bitte ich euch: Ihr haltet zwei Hirten für
euer Vieh, haltet in Zukunft auch zwei Hirten für eure Seelen!
Ich bin bereit, euch einen jungen Kaplan zu schicken.“ Doch
Luthers wohlgemeinter Vorschlag fand so gut wie keine
Gegenliebe. Der lange Schneider Wiebel rief: „Das können wir
nicht bezahlen“, und die allermeisten stimmten ihm zu. Alle Höflichkeit
gegenüber dem berühmten Manne war vergessen; man sprach erregt
durcheinander. Schließlich meinte der Bürgermeister: „Einen
zweiten Hirten für unser Vieh können wir nicht entbehren, wohl
aber einen Kaplan. Das Geld können wir sparen.“ Da bestieg
Luther enttäuscht wieder seinen Reisewagen. Beim Abschied drückte
er dem Pfarrer die Hand und sprach: „Nicht müde werden, dort
unter der Brücke sitzt der Teufel!“
Der
Burghügel bei Teuchern
Zwischen
Deuben und Teuchern lag der Burghügel. Lange Zeit gehörte er
zum Rittergut Teuchern. Dessen Besitzer wollte diesen Hügel
abtragen lassen, um Feld zu gewinnen. An dem Tage, an dem man
dort zu graben begann, starb auf der nahe dem Hügel gelegenen
Weide ein Stück Vieh, das nicht krank gewesen war. Am zweiten
Tage der Erdarbeiten verendete wieder eins. So ging das jeden
Tag, an dem man an dem Burghügel grub. Der Hirt meinte, die
Zwerge und Schwarzelfen, die nach altem Glauben in dem Hügel
wohnten, brächten das Vieh um; sie rächten sich an dem
Gutsherrn, der ihnen die Wohnung zerstören lasse. Als der
Gutsherr das hörte, lachte er nur darüber und ließ
weitergraben. Wieder starb ein bis dahin ganz gesundes Rind. »Das
kommt von einer Viehseuche, die wir noch nicht kennen«, meinte
der Rittergutsbesitzer, »es wird auch Vieh sterben, wenn ich
das Graben für einige Zeit einstellen lasse.« Doch an den
Tagen, an denen die Arbeit am Burghügel ruhte, starb kein Vieh.
»Das ist nur ein Zufall«, sagte der Rittergutsbesitzer, »morgen
soll die Arbeit weitergehen.« Was geschah? Das Viehsterben ging
weiter. Da wurde es dem Rittergutsbesitzer unheimlich, und er
ließ nicht weitergraben. Später wurde der Burghügel aber doch
abgetragen. Wir wissen noch, wo er gestanden hat.
Die
geraubte Braut
In
Teuchern stand einst eine Wasserburg. Der Ritter, der dort
wohnte, hatte die Braut eines andern Ritters gefangengenommen
und wollte sie nur gegen hohes Lösegeld freigeben. Er ließ das
Ritterfräulein streng bewachen. Nur zweimal in der Woche durfte
sie die Burg verlassen und in der benachbarten Johanniskappelle
beten. Auf dem Weg dorthin mussten sie Wächter begleiten. Die
setzten sich, während das gefangene Fräulein in der Kapelle
war, in die Schankwirtschaft, die dem Kapellenschmied gehörte,
und ließen sich's beim Biere wohl sein. Das hatte der Verlobte
des Ritterfräuleins erfahren, und er wusste bald, wie er seine
gefangene Braut befreien konnte. Als wieder einmal die Wächter
in der Schenke des Kapellenschmieds eingekehrt waren und wenig
auf die Gefangene achteten, erschien ein Mann in Pilgerkleidung
und setzte sich zu ihnen. Er erzählte ihnen vieles von fremden
Ländern und lud sie ein, mit ihm zu trinken. Das ließen sich
die Wächter nicht zweimal sagen; sie tranken wacker mit dem
Pilgersmann, waren in fröhlicher Stimmung und dachten gar nicht
mehr an die Gefangene, die sie doch zu bewachen hatten. Plötzlich
war der Pilgersmann verschwunden. Nun erinnerten sich die Wächter
an ihre Pflicht und eilten zur Kapelle. Doch da war niemand mehr
zu sehen. Jener Pilgersmann war der Bräutigam gewesen, der sich
verkleidet hatte. Er war auf schnellen Pferden, die er in der Nähe
der Kapelle bereitgestellt hatte, mit seiner Braut entflohen.
Die
Wolfsschlucht bei Teuchern
Zwischen
Teuchern und Trebnitz liegt eine Hohle. Die heißt seit alter
Zeit die Wolfsschlucht. Man sagt, dort sei es nicht geheuer. Man
erzählt von unterirdischen Gängen, die von dort nach dem
Teucherner Rittergut und nach dem Burghügel gehen sollen. Dem
Wanderer erscheint zu Mitternacht ein Jagdhund ohne Kopf,
erschreckt ihn, läuft ein Stück mit ihm und verschwindet dann.
Einst ging ein Mann zu mitternächtlicher Stunde durch diese
Hohle. Da bemerkte er eine große schwarze Katze, die ihn aus
feurigen Augen anfunkelte. Neben ihr sah er ein Geldtäschchen.
Das hob er auf und fand es mit Goldstückchen angefüllt.
Erfreut über den kostbaren Fund, rannte er, so schnell er
konnte, nach Teuchern. Als er dort fast atemlos ankam, fragte
ihn ein Freund: »Wie siehst du denn aus?« Er war nämlich
kohlrabenschwarz im Gesicht. Da erzählte er dem Freunde von
seinem unheimlichen Erlebnis. Der riet ihm, das Geld dorthin zu
bringen, wo er es aufgehoben habe. Das tat er. Er fand die
schwarze Katze noch an derselben Stelle. Als er zurückkam, war
sein Gesicht wieder weiß.
Der
Drache im Kartoffelkeller
Ein
Mädchen aus Trebnitz bei Teuchern war nach Ostern als Kleinmagd
bei einem Bauern im Rippachtal in Dienst getreten. Man war mit
ihr freundlich, und es gefiel ihr gut bei dem Bauern. Jeden Tag
musste sie einen Korb voll Kartoffeln zum Schweinefutter aus dem
Keller holen. Im Mai ging der Kartoffelvorrat zur Neige. Am Tage
nach Himmelfahrt hatte Hanne, - so hieß das Mädchen, - die
letzten Kartoffeln heraufgeholt und hatte das der Bauersfrau
gesagt. Die aber brummte nur: »Das ist nicht so schlimm.«
Hanne wurde am folgenden Tage wieder in den Keller geschickt.
Wie staunte sie, als sie in der Kellerecke einen Haufen
Kartoffeln erblickte! Als dieser aufgebraucht war, lagen wieder
welche da. So geschah das noch einige Tage. Das war dem Mädchen
unheimlich. Eines Tages sah es die Bäuerin mit einem Milchnapf
nach dem Kartoffelkeller gehen. Neugierig lauschte Hanne an der
offenen Kellertür. Da hörte sie die Bauersfrau sagen: »Komm,
Hänschen, friss und gäke Kartoffeln!« Hanne lief entsetzt
davon. Auf dem Dorfanger erzählte sie es ihren Freundinnen. Die
waren gar nicht verwundert; denn sie hatten schon gewusst, dass
Hannes Bäuerin den Drachen hatte. Hanne sagte am nächsten Tage
den Dienst auf und suchte sich eine andere Stelle.
Mitternächtlicher
Spuk auf dem Trebnitzer Kirchturm
In
der Geisterstunde spukte früher auf dem Trebnitzer Kirchturm
eine Katze. Mit der einen Pfote streckte sie ein Fünfmarkstück
heraus. Sie ging einige Mal um den Kirchturm herum und
verschwand sodann. Aber blitzschnell zeigte sie sich von neuem,
wiederholte das Herumgehen und sprang schließlich mit lautem »Miau,
Miau«, in den Turm. Es wird auch erzählt, dass diese
gespenstische Katze einen Totenkopf in ihren Pfoten gehalten
habe.
Der
Schimmelborn
Im
Dreißigjährigen Kriege, besonders nach der Schlacht bei Lützen,
hatte unsere Heimat schwer unter Kriegsnöten zu leiden. Den
Dorfbewohnern vor allem wurden Vieh und Feldfrüchte geraubt,
Haus, Stall und Scheune niedergebrannt, und auch ihr Leben war
niemals sicher. Manchmal zeigte sich aber wochenlang kein
Soldat. Dann konnten die Bauern ihrer Arbeit nachgehen.
Damals hütete einmal eine Bauerntochter aus Zembschen auf einem
Brachfelde die Schafe ihres Vaters. Als sie die Tiere am Abend
heimtrieb, hörte sie hinter sich Hufschlag. Als sie sich umsah,
erschrak sie; denn sie erblickte einen Wallensteinschen Reiter,
der schnell näherkam. Um sich vor dem Kriegsmann zu retten, ließ
sie ihre Schafe im Stich und eilte dem Gebüsch am Rande der
sehr sumpfigen Rippachwiesen zu. Der Reiter spornte seinen
Schimmel zu schnellster Gangart an, dem Mädchen zu folgen. Er
sprengte den Abhang hinunter, geriet in eine Quelle im Sumpf und
versank im Nu. Das Mädchen war gerettet. Die Dorfbewohner
nannten diese Quelle seit jenem Ereignis den Schimmelborn. Wenn
man früher deren Wasser aufrührte, so quoll schlammig weiße
Erde herauf. Darin sollten sich die weißen Haare des Schimmels
befunden haben.
Der
dreibeinige Hase bei Werschen
Vor
dem dreibeinigen Hasen fürchteten sich die Leute in Werschen;
denn sie sagten, wer ihn sehe, könne sich nicht von der Stelle
rühren, er sei festgebannt. Nur einer fürchtete sich nicht.
Das war ein Jäger. Er prahlte In der Schenke: "Wenn mir
der dreibeinige Hase einmal vor die Flinte hoppelt, dann schieße
ich ihn nieder. Dann werden wir ja sehen, was an eurer
Spukgeschichte wahr ist.« Es dauerte gar nicht lange, da sah
der Jäger den gefürchteten Hasen auf einem Krautacker. Er riss
schnell die Flinte hoch, zielte und schoss. Aber, o weh! Was
geschah? Der Jäger stürzte laut aufschreiend zu Boden. Der
Hase jedoch hoppelte ruhig davon, denn der Schuss hatte nicht
den Hasen, sondern den Jäger schwer verletzt. So wurde dieser
Hase durch eine geheime Macht vor Schaden bewahrt.
Kennen
Sie auch noch Sagen und Geschichten aus der Umgebung von
Teuchern ?
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